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Die Psychologie des Essverhaltens

Stefanie Ewald

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Was steckt dahinter?

Durch den Anstieg ernährungsassoziierter Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Tan et al., 2025) und Übergewicht (The GBD 2015 Obesity Collaborators, 2017) ist Ernährung mehr denn je ein zentrales Thema – in Politik, Gesellschaft und im Alltag jedes Einzelnen. Entsprechend intensiv wird erforscht, welche Ernährung gesund ist. Doch Essen ist nicht nur eine Frage der Nährstoffe, sondern vor allem ein Verhalten. Deshalb ist es ebenso wichtig zu verstehen, wie dieses Verhalten entsteht und beeinflusst werden kann. Hier setzt die Ernährungspsychologie an.

Was ist Ernährungspsychologie?

Die Ernährungspsychologie beschäftigt sich mit dem menschlichen Erleben und Verhalten rund um die Nahrungsaufnahme (Klotter, 2024). Sie versucht, dieses Erleben und Verhalten zu beschreiben, zu erklären und zu verändern.


Während die Ernährungswissenschaft fragt, WAS wir essen sollten, stellt die Ernährungspsychologie die Frage, WARUM wir essen, was wir essen und warum wir essen, wie wir essen (Pudel & Westenhöfer, 2003).

Die Anfänge der Ernährungspsychologie

In Deutschland begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Ernährungspsychologie 1975 auf den Dahlem-Konferenzen in Berlin (Pudel & Westenhöfer, 2003). Dort standen drei zentrale Fragen im Fokus:

  • Warum beginnen wir zu essen?
  • Warum hören wir auf zu essen?
  • Warum essen wir das, was wir essen?

Diese Fragen umreißen bis heute das Themengebiet der Ernährungspsychologie.

Zentrale Fragestellungen der Ernährungspsychologie

Die Ernährungspsychologie beschäftigt sich unter anderem mit folgenden Fragen:

  • Wie können Informationen über gesunde Ernährung so vermittelt werden, dass sie umgesetzt werden? Warum setzen Menschen dieses Wissen oft nicht um?
  • Was kennzeichnet gesundes und was ungesundes Essverhalten?
  • Wie kann die Entstehung einer Essstörung verhindert werden und wie können gesunde Essverhaltensweisen gefördert werden?
  • Warum essen wir zu viel oder zu wenig?
  • Welche Rolle spielen Kognitionen und Emotionen für das Essverhalten?

Einordnung in die Psychologie

Die Ernährungspsychologie lässt sich als Teil der Gesundheitspsychologie verstehen, da sie vor allem psychische Faktoren betrachtet, die Gesundheit erhalten und fördern (Brinkmann, 2014). Gesundheit wird dabei nicht primär als Abwesenheit von Krankheit verstanden, sondern – gemäß dem salutogenetischen Modell – als ein eigenständiger Zustand, der aktiv gestärkt und erhalten werden kann (Brinkmann, 2014). Die Ernährungspsychologie greift diesen Ansatz auf, indem sie untersucht, wie ein gesundes Essverhalten gefördert werden kann und wie langfristig Ressourcen für körperliches und psychisches Wohlbefinden aufgebaut werden können.

Gleichzeitig überschneidet sich die Ernährungspsychologie mit anderen Teilbereichen der Psychologie, etwa der klinischen Psychologie (z. B. bei Essstörungen) oder der allgemeinen Psychologie (z. B. bei Lernprozessen und Verhaltensänderungen) (Westenhöfer, 2000).

Ein klassisches Beispiel: das Preload-Experiment

Ein bekanntes Experiment der Ernährungspsychologie ist das Preload-Experiment von Herman und Mack (1975). In dieser Studie wurden Studentinnen in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt einen Milchshake, eine zweite erhielt zwei Milchshakes, und eine dritte gar keinen. Dieser Milchshake war der sogenannte Preload. Anschließend konnten die Probandinnen Eiscreme in beliebiger Menge verzehren. Intuitiv könnte man annehmen, dass die Probandinnen, die bereits Energie in Form von Shakes aufgenommen hatten, beim anschließenden Eis weniger aßen. Genau das zeigte sich auch bei den Teilnehmerinnen ohne das sogenannte gezügelte Essverhalten: Sie aßen weniger Eis, wenn sie vorher schon gesättigt waren. Anders reagierten jedoch die Probandinnen mit gezügeltem Essverhalten. Sie aßen paradoxerweise mehr Eis, wenn sie zuvor einen oder zwei Milchshakes getrunken hatten.

Das gezügelte Essverhalten

Gezügeltes Essverhalten beschreibt eine kognitive Einschränkung der Nahrungsaufnahme mit dem Ziel, Gewicht zu reduzieren oder zu halten (Pudel & Westenhöfer, 2003). Durch den Preload wird diese kognitive Kontrolle enthemmt. Wer sein Essverhalten also vor allem über Regeln („Ich darf nur so und so viel essen“) statt über innere Körpersignale steuert, erlebt bei einem wahrgenommenen „Regelbruch“ schnell einen Verlust der Kontrolle. Es wird deutlich mehr gegessen als ursprünglich beabsichtigt – nach dem Motto: „Jetzt habe ich meine Kaloriengrenze schon überschritten, jetzt ist es auch egal.“

Dieses Experiment verdeutlicht, dass eine kognitive Kontrolle des Essens, wie sie aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive häufig empfohlen wird, sogar kontraproduktiv sein kann. Statt langfristig vor Gewichtszunahme zu schützen, kann sie Essanfälle und Kontrollverlust fördern. Dies zeigt, wie bedeutsam es ist, auch die psychologische Perspektive zu betrachten und in Ernährungsempfehlungen miteinzubeziehen.

Fazit

Die Ernährungspsychologie bietet einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesundheitsförderung, indem sie erklärt, warum Menschen essen, wie sie essen, und welche Rolle Gedanken, Emotionen und Gewohnheiten dabei spielen. Nur wenn psychologische Mechanismen verstanden und integriert werden, können nachhaltige Veränderungen im Essverhalten gelingen.
 

Literaturverzeichnis

  1. Brinkmann, R. (2014). Angewandte Gesundheitspsychologie. Pearson Deutschland GmbH. GBD 2015 Obesity Collaborators. (2017). Health effects of overweight and obesity in 195 countries over 25 years. New England journal of medicine, 377(1), 13-27. https://doi.org/10.1056/nejmoa1614362
  2. Herman, C. P., & Mack, D. (1975). Restrained and unrestrained eating. Journal of personality, 43(4), 647-660.
  3. Klotter, C. (2024). Einführung Ernährungspsychologie (5. Auflage).
  4. Pudel, V., & Westenhöfer, J. (2003). Ernährungspsychologie: Eine Einführung. Hogrefe Verlag.
  5. Tan, S. C. W., Zheng, B. B., Tang, M. L., Chu, H., Zhao, Y. T., & Weng, C. (2025). Global Burden of Cardiovascular Diseases and its Risk Factors, 1990–2021: A Systematic Analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. QJM: An International Journal of Medicine. https://doi.org/10.1093/qjmed/hcaf022
  6. Westenhöfer, J. (2000). Die Zukunft der Ernährungswissenschaft aus Sicht der Ernährungspsychologie. In G. U. Schönberger & U. Spiekermann (Hrsg.), Die Zukunft der Ernährungswissenschaft (S. 127-138). Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-06702-4_10