Kulturelle und psychologische Grundlagen

Julian Jaschinger, M.Sc. Florian Kubisiak

Inhaltsverzeichnis

Alle Beiträge

Essen als kulturelle Praxis und Identitätsmarker

Die soziokulturellen Dimensionen von Essen

Ernährung fungiert als primärer Träger kultureller Bedeutung. Anthropologische Forschung zeigt, dass Nahrungsmittel und Essrituale zentrale Identitätsmarker darstellen (Mintz & Du Bois, 2002). Sie vermitteln:

  • Soziale Zugehörigkeit: Gemeinsame Mahlzeiten schaffen und verstärken Gruppenbindungen
  • Biografische Kontinuität: Geschmackserinnerungen verankern Kindheitserfahrungen und Familiengeschichte
  • Emotionale Regulation: Comfort Food erfüllt psychologische Funktionen jenseits der Sättigung
  • Rituelle Bedeutung: Essenszeiten strukturieren den Alltag und markieren soziale Übergänge

Für die Ernährungspsychologie bedeutet dies, dass Interventionen, die diese tieferliegenden Funktionen ignorieren, zum Scheitern verurteilt sind. Essen ist nie nur Essen – es ist immer auch Kommunikation, Erinnerung und Identitätsstiftung.

Die Grenzen willenskraftbasierter Ansätze

Willenskraft und Ambivalenz

Im folgenden Abschnitt beziehen wir uns auf das Buch von Rainer Sache: „Selbstregulation und Selbstkontrolle“ (2020). Eine Ambivalent lässt sich wunderbar am Beispiel Geburtstagstorte erklären. Es gibt es verschiedenste Motive ein Stück Torte zu essen. In unserer Kultur ist es gängig einen Geburtstag mit Kuchen zu feiern. Der gemeinschaftliche Kuchenverzehr kann zudem wie ein Verstärker für das Erleben der Feierlichkeit und Gemeinschaft wirken. Zudem ist Genuss auch ein Motiv, denn Torte meistens auch sehr gut. Vielleicht ist ein Motiv, aber auch Hunger oder der Geschmack Süß wird z. B. mit Belohnung, Liebe, oder Trost verknüpft. Es kann also viele Motive geben zuzugreifen.

Ambivalenz entsteht, wenn es gleichzeitig Motive gibt auf ein Stück Torte zu verzichten. Beispielsweise kann der Wunsch abzunehmen dann einen inneren Konflikt bei Speisen wie Torte auslösen. Es scheint wie eine Zwickmühle: Entweder Verzicht oder Konsum.

Ein Akt der Selbstkontrolle 

Wenn diese Ambivalenzen nicht gelöst wird, bleibt nur die Möglichkeit übrig die beiden Tendenzen Verzicht oder Konsum durch reine Willenskraft zu beherrschen. Aber das ist langfristig meistens keine nachhaltige Strategie:

  1. Der grundlegende Konflikt zwischen dem Motiv Torte zu essen und dem Wunsch abzunehmen wird nicht gelöst. Diese innere Zerrissenheit kann kognitive Ressourcen beanspruchen und kognitive Selbstkontrolle einschränken.
  2. Selbstkontrolle setzt Selbstmonitoring vorraus, um auftretende widersprüchliche Tendenzen direkt zu erkennen und bei Bedarf zu unterdrücken. Das kann auch kognitive Ressourcen beanspruchen und kognitive Selbstkontrolle einschränken.
  3. Zentrale Motive wie Genuss oder Gemeinschaft verschwinden nicht einfach. Genauso wenig wie der Wunsch abzunehmen oder die Verbindung von Süß mit beispielsweise Belohnung, Liebe oder Trost.

Selbstkontrolle ist immer dann erforderlich, wenn eigene Handlungstendezen als widersprüchlich wahrgenommen werden.

Mehr als Willenskraft: Ganzheitliche Ansätze

Ernährungspsychologie geht daher über reine Willenskraft hinaus und versucht Menschen zu befähigen, verschiedenste innere Zustände und Informationen in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen und flexibel auf Veränderungen und Bedürfnisse reagieren zu können. Mögliche Ansätze in unserem Beispiel: 

  • Strategien, das Erlebnis der Feier wirklich auszukosten – ohne Kuchen.
  • Fördern der Toleranz gegenüber der kognitiven Dissonanz, dass ein Stück Torte nicht unweigerlich das Scheitern beim Abnehmen bedeutet.
  • Erarbeiten eines gesunden Essverhaltens, das nicht auf Verbote basiert und in dem Genuss erlaubt ist.
  • Ein stabiles Essverhalten erarbeiten, das sich an körperlichen Signalen wie Hunger und Sättigung orientiert.

Zwischen Umgebung und Bedürfnissen

Insbesondere im Ernährungskontext muss ein Individuum immer wieder eigene Bedürfnissen und Konditionen aus dem Umfeld in einklang bringen, um das Wohlbefinden aufrechtzuerhalten und Stress zu vermeiden. Bei einem solchen Prozess spielen verschiedenste Faktoren eine wichtige Rolle:

  • Der Kontext, in dem sich eine Person befindet
  • Realitätswahrnehmung wie z. B. Interozeption 
  • Muster in der Realitätsinterpretation
  • Emotionale und affektive Verarbeitung
  • Explizite und implizite Motive
  • Motiventfremdung
  • Motivkongruenz zwischen explizite und implizite Motiven
  • Vermeidungs- bzw. Annäherungsziele
  • Intrinsische bzw. extrinsische Motivation
  • Selbstreflexion
  • Intention und Volition
  • Entscheidungen treffen und Handeln

Sachse (2020) analysiert diese Faktoren genauer in seinem Buch im Kontext von Selbstregulation.

Selbstregulation & Selbstreflexion

Das Video ist Eigentum von Florian Kubisiak.

Eine bewusste Analyse und kritische Reflexion vieler Einflussfaktoren scheint ein Schlüsselelement in der Selbstregulation zu sein. Der Wunsch nach radikaler Veränderung geht oft mit einer Dissonanz zwischen Intention und der eigenen psychischen Struktur einher, zeugt aber auch von einem konkreten Bedürfnis nach Einklang mit dem Selbst. Insofern ist ein radikal freier Wille nicht möglich, da er keinem Selbstbezug entspringt. Zentral bleiben aber Willenskraft als Moderator für Einflussfaktoren und der freie Wille als Selbstbestimmtheit über die Richtung der eigenen Entwicklung.

Hilfeleister, wie Ernährungsfachkräfte und Psycholog*innen, sollten diese psychologischen Dimensionen und Ambivalenzen erkennen und gezielt behandeln. Oftmals mangelt es Betroffenen an Klarheit über ihre inneren Konflikte. Die Bewusstmachung solcher oft unterbewussten Muster sowie das Anregen einer ganzheitlichen Selbstreflexion können sehr produktiv sein, um innere Konflikte zu erkennen und zu lösen. Solches psychotherapeutische Know-how sollte in der Ausbildung von Ernährungsfachkräften zentraler werden.

Neurobiologische Verankerung von Essgewohnheiten

Die Neurowissenschaft bestätigt, was die Kulturanthropologie beschreibt: Essverhalten ist tief in unserem Gehirn verankert. Das dopaminerge Belohnungssystem reagiert nicht nur auf Nahrung selbst, sondern auch auf assoziierte Kontexte, Gerüche und soziale Situationen (Volkow et al., 2011). Diese neuronalen Bahnen entwickeln sich über Jahre und Jahrzehnte – sie lassen sich nicht durch bewusste Entscheidung von heute auf morgen umprogrammieren.

Aus der Perspektive des harten Inkompatibilismus sind diese Gewohnheiten das Produkt einer langen Kette von Ursachen und Wirkungen, die bis in die früheste Kindheit zurückreichen. Gene, epigenetische Modifikationen, pränatale Einflüsse, Kindheitserfahrungen und soziale Prägungen formen die neuronalen Netzwerke, die später unser Essverhalten steuern.

Auch Sapolsky räumt ein, dass wir uns verändern können – solche Veränderungen können durch eindrucksvolle Filme oder Ideen anderer Menschen entstehen, die uns beeinflussen. Dies eröffnet einen paradoxen Raum: Veränderung ist möglich, aber nicht durch bewusste Willensanstrengung allein.

Literaturverzeichnis

  1. Mintz, S. W., & Du Bois, C. M. (2002). The anthropology of food and eating. Annual Review of Anthropology, 31(1), 99-119.
  2. Sachse, R. (2020). Selbstregulation und Selbstkontrolle.
  3. Sapolsky, R. M. (2023). Determined: A Science of Life Without Free Will. Penguin Random House.
  4. Volkow, N. D., Wang, G. J., & Baler, R. D. (2011). Reward, dopamine and the control of food intake: implications for obesity. Trends in Cognitive Sciences, 15(1), 37-46.